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Warum Made in Germany in den USA nicht ausreicht - und was hilft

Deutsche Ingenieurskunst allein reicht nicht für US-Erfolg. Stefan Grunwald zeigt, warum lokales Produktmanagement den Sakes vervielfachen kann.


Der Satz, der Millionen kostet

„Die Kunden sollen doch froh sein, dass sie Zugang zu so einem tollen Produkt haben."

Stefan Grunwald hört diesen Satz seit über 20 Jahren. Als Produktmanager bei Lütze und TK Cable in North Carolina hat er miterlebt, wie diese Denkweise europäische Tech-Firmen Millionen an US-Umsatz kostet.

„Das ist natürlich schwierig", sagt Stefan trocken.

Schwierig ist untertrieben. Es ist der fundamentale Fehler, den 90% der deutschen Technikfirmen beim US-Markteintritt machen.

Du hast ein brillantes Produkt. Deutsche Ingenieurskunst at its finest. Deine Kunden in Europa lieben es. Und jetzt willst du den US-Markt erobern – mit der festen Überzeugung, dass sich dein Produkt praktisch von selbst verkauft.

Stop right there.

Stefan hat beide Welten durchlebt. Seit 1999 pendelt er zwischen Europa und den USA, seit 2001 lebt er fest in North Carolina. Mit seiner Erfahrung bei Lütze, TK Cable und jetzt als Gründer von GSH Consulting und Green River Consulting hat Stefan einen klaren Blick darauf, warum so viele scheitern – und was die Erfolgreichen anders machen.

 

Was Stefan 2004 verändert hat (und den Umsatz vervielfacht)

„2004 haben wir angefangen, Produktmanagement wirklich lokal zu machen", erinnert sich Stefan. „Und da haben sich vollkommen neue Möglichkeiten ergeben."

Vorher? Business as usual. Produkte aus Deutschland, etwas Marketing in den USA, moderate Umsätze.

Nachher? Umsatzexplosion.

Der Game-Changer: „Wir haben einen Lieferanten in den USA übernommen. Das heißt, wir hatten dann dieses 'Engineered in Germany and Made in USA'. Danach ist es dann ordentlich abgegangen. Der Umsatz hat sich vervielfacht."

Warum? Weil europäische Produkte – so gut sie auch sind – in den USA oft als "Sonderlösung" wahrgenommen werden. Etwas, das man nimmt, wenn man es wirklich braucht. Aber nicht als Standard-Option.

Stefan unterscheidet zwei kritische Dimensionen im Produktmanagement:

On-the-shelf Product Management: Welche Produkte will ich wirklich haben?
Off-the-shelf Product Management: Wie verkaufe ich diese Produkte erfolgreich?

Die meisten europäischen Firmen konzentrieren sich auf ersteres – und scheitern, weil sie letzteres vernachlässigen.

Die drei tödlichen Fehler beim US-Produktmanagement

Fehler #1: Kein lokales Produktmanagement

„Einer der größeren Fehler ist sicherlich zum Beispiel gar kein Produktmanagement zu betreiben", erklärt Stefan. „Wenn ich niemanden habe, der vor Ort dir hilft zu erklären, warum das Produkt hier nicht richtig funktioniert – weil ich vielleicht mit der falschen Botschaft in den Markt gehe."

Das Problem: In Deutschland verkaufst du oft an Ingenieure, die dein Produkt verstehen. In den USA? Da sitzt du vielleicht einem Einkäufer gegenüber. Oder einem Techniker ohne Engineering-Hintergrund. Oder einem Manager, der nur wissen will: "Wie spart mir das Geld?"

Die Lösung: Jemand vor Ort, der die US-Sprache spricht – nicht nur Englisch, sondern die Sprache des US-Marktes.

To-Do: Evaluiere, ob du einen lokalen Produktmanager brauchst oder mit einem Berater wie Stefan startest. Aber warte nicht, bis dein Umsatz stagniert.

Fehler #2: Unvollständige Produktlaunches

Stefan hat eine Checkliste. Und wenn die nicht komplett ist? Kein Launch.

„Zum Beispiel ich brauche eine vollständige Preisliste", erklärt er. „Ich kann nicht am Ende sagen, hey, wir gehen jetzt mal mit dem Produkt in den Markt und dann haben wir vielleicht eine Broschüre entwickelt. Da zeigen wir 25 Artikelnummern, aber am Ende habe ich nur für drei Artikelnummern den Preis."

Was passiert? Dein Manufacturing Rep sitzt beim Kunden. Der Kunde will eine Preisauskunft. Dein Rep muss sagen: "Ich muss zurückfragen."

Game over.

„Der Markt ist hier schnell und ich muss beim Produktlaunch eigentlich schon für alle 25 Artikel den Verkaufspreis wissen, damit ich in der Diskussion schnell agieren kann."

Stefan's Launch-Checkliste umfasst:

  • Vollständige Preisliste – für ALLE SKUs, nicht nur die "wichtigsten"
  • Kundennutzen-Kommunikation – nicht nur Features, sondern Benefits
  • Schnelle Verfügbarkeit – Lieferzeiten definiert
  • Marketing Collateral – für Vertriebspartner, die in Minuten überzeugen müssen

„Für uns hier in den USA gibt es vielleicht ein paar andere Ansätze, was einen vollständigen Produktlaunch ausmacht", sagt Stefan diplomatisch.

To-Do: Erstelle eine brutale Launch-Checkliste. Wenn auch nur ein Punkt fehlt, verschiebe den Launch. Ein schlechter Launch ist schlimmer als kein Launch.

Fehler #3: Features statt Benefits

„Man ging in Deutschland oft davon aus, wir verkaufen das an Ingenieure, die wissen schon, was das für ein tolles Produkt ist", erklärt Stefan.

In den USA? „Man redet vielleicht mit Technikern, vielleicht redet man mit Einkäufern, vielleicht redet man mit Leuten, die mit der ganzen Materie gar nichts zu tun haben, aber trotzdem damit beschäftigt sind, dieses Produkt zu kaufen."

Dein Datenblatt mit DIN-Normen und Toleranzen interessiert niemanden.

Was interessiert? „Wo liegt eigentlich der Kundennutzen in dem Produkt."

Die Übersetzung:

  • Feature: "IP67-zertifiziert" → Benefit: "Spart dir teure Ausfallzeiten durch Wasserschäden"
  • Feature: "Hohe Flexibilität" → Benefit: "Reduziert Installationszeit um 40%"
  • Feature: "Made in Germany" → Benefit: "Längere Lebensdauer bedeutet niedrigere Gesamtkosten"

„Das ist diese typische Features & Benefit Diskussion", sagt Stefan.

To-Do: Nimm dein Datenblatt. Für jedes Feature schreib den Business-Benefit. Wenn du keinen findest, frag dich: Warum ist das Feature überhaupt drin?

Das Kabel-Beispiel: Wie Compliance den Umsatz explodieren ließ

Stefan teilt ein konkretes Beispiel aus seiner Lütze-Zeit, das zeigt, wie entscheidend lokales Produktmanagement ist:

„Wir waren sehr viel im Bereich Industriekabel unterwegs für Automatisierungstechnik. Der amerikanische Markt hat eben akzeptiert, dass die europäischen Kabel flexibler waren, sich einfacher installieren ließen."

Klingt gut, oder?

„Wir haben aber trotzdem immer irgendwo so eine Decke erreicht. Wir konnten halt irgendwie nicht wirklich über unsere existierenden Umsätze hinauswachsen, weil ein europäisches Kabel am Ende immer noch als Sonderlösung betrachtet wurde."

Die Lösung war nicht besseres Marketing. Nicht aggressivere Preise. Nicht mehr Vertriebspartner.

Die Lösung war Produktmanagement.

„Wir haben angefangen zu sagen, lass uns doch die Eigenschaften des europäischen Kabels in ein amerikanisches Kabel einfließen lassen. Da kam besonders dieses Compliance-Thema – NEC-Typen."

Was bedeuted NEC in den USA?

NEC steht für National Electrical Code. Und viele europäische Kabellieferanten in den USA haben nie darüber nachgedacht.

„Es gibt sehr viele europäische Unternehmen, die verkaufen hier seit Jahren Kabel, sich aber noch nie über NEC-Typen Gedanken gemacht haben. Und die leben dann halt ständig mit ihrem Marktanteil, den sie erreichen konnten."

Stefan's Team ging einen anderen Weg: „Wir haben diese komplett neue Produktgeneration rausgebracht, die auch vollkommen lokal gemanagt wurde."

Das Resultat: „Der Umsatz ist halt wirklich enorm gewachsen."

Die Lektion: „Ich kann zum Beispiel in Deutschland einen Netzteil entwickeln, das kann ich wahrscheinlich weltweit verkaufen. Aber beim Kabel muss ich mich darauf einstellen, dass ich sehr viele lokale Standards und Ansprüche habe."

To-Do: Identifiziere die lokalen Compliance-Requirements für dein Produkt. Nicht nur UL/CSA. Sondern branchenspezifisch, state-spezifisch, anwendungsspezifisch. Wenn du sie nicht kennst, findest du deine Umsatzdecke.

Wann ist es zu spät für lokales Produktmanagement?

Stefan's Antwort ist unbefriedigend: „Das ist sehr abhängig vom Unternehmen – was habe ich für ein Produkt, was habe ich für eine Unternehmenskultur, wie offen bin ich für andere Dinge."

Aber er nennt klare Warnsignale:

Du bist zu spät dran, wenn:

  • Dein Umsatz stagniert trotz mehr Vertriebsressourcen
  • Du erreichst keine neuen Kundengruppen
  • Du kommst in keine neuen Branchen
  • Deine Vertriebspartner verstehen dein Produkt nicht
  • Du hörst oft: "Das ist interessant, aber..."

„Wenn man erst mal den Punkt erreicht hat, wo man irgendwo so eine Sättigung auf der Vertriebseite erzeugt hat und merkt, 'eigentlich hatte ich mir vorgestellt, es geht noch mehr, aber irgendwie komme ich nicht weiter' – dann hätte man mit dem lokalen Produktmanagement schon früher anfangen sollen."

Die gute Nachricht? „Aber es ist dann am Ende immer besser zu sagen, okay, ich habe es jetzt erkannt, also tue ich was."

To-Do: Schau dir deine US-Umsatzentwicklung der letzten 12 Monate an. Wenn du ein Plateau siehst, ist jetzt der Zeitpunkt. Nicht in 6 Monaten.

Die BMW 7er Lektion: Warum Offenheit alles ist

Stefan's ultimativer Ratschlag für deutsche Scale-ups?

„Offenheit."

Seine Auto-Analogie bringt es auf den Punkt:

„In Deutschland, wenn man einen 7er BMW verkauft, kann man darüber reden, dass es ein großes Auto ist – viel Platz und luxuriös. Den gleichen 7er BMW in den USA verkauft, muss man sich halt damit abfinden, dass das Platzangebot maximal Mittelmaß liegt."

Warum? Weil ein Chevy Suburban existiert.

„Eine Eigenschaft, die in einem Markt richtig einschlägt, kann in einem anderen Markt nebensächlich sein."

Diese Offenheit bedeutet:

  • Akzeptieren, dass deine Kernverkaufsargumente vielleicht nicht funktionieren
  • Bereit sein, Produkte anzupassen
  • Lokales Feedback ernst nehmen
  • Verstehen, dass "anders" nicht "schlechter" bedeutet

„Wenn man hierher kommt, muss man absolut Offenheit haben, dass man andere Dinge hört und vielleicht auch andere Dinge tun wird, als man es erwartet hat."

To-Do: Frag deine US-Vertriebspartner: "Was sind die drei Eigenschaften, die hier wirklich verkaufen?" Wenn die Antwort nicht mit deinen Kernargumenten übereinstimmt, hast du ein Problem.

Das Produkt-Vertriebs-Alignment-Problem

Die beste Produktstrategie hilft nichts, wenn deine Vertriebsstrategie nicht passt. Stefan hat es zu oft gesehen:

„Grundsätzlich ist immer sehr wichtig, dass die Produktstrategie und die Vertriebsstrategie – das muss einfach passen. Und das habe ich auch oft erlebt, wenn das nicht passt, geht es immer schief."

Besonders kritisch bei externen Vertriebspartnern.

Manufacturing Reps und Distributoren haben 20-40 verschiedene Hersteller im Portfolio. Sie sitzen vielleicht eine Stunde beim Kunden – können aber nicht für jeden Hersteller eine Stunde aufwenden.

„Wenn ich jetzt einen externen Vertriebler losschicke, dass er mit einem vielleicht einem OEM spricht, da habe ich nicht die Möglichkeit, dass der eine halbe Stunde sich mit dem über irgendwas unterhält."

„Der muss gleich die richtigen Botschaften bringen und das muss einfach ein Treffer sein. Dafür brauche ich gute Werkzeuge."

Deine Marketing Collaterals müssen:

  • In 2 Minuten verständlich sein
  • Den Kundennutzen klar kommunizieren
  • Kulturell und sprachlich passen (nicht britisches Englisch, nicht "übersetztes" Deutsch)
  • Dem Vertrieb ermöglichen, in Minuten zu überzeugen

Stefan's Ansatz mit Green River Consulting: „Lass uns doch mal schauen, ob deine Marktsbotschaften tatsächlich ankommen überhaupt bei den amerikanischen Kunden. Da gibt es ja kulturelle, sprachliche Hürden vielleicht, die man nehmen muss."

To-Do: Gib deinem US-Vertriebspartner deine Marketing-Unterlagen. Bitte um brutales Feedback. Wenn er länger als 30 Sekunden braucht, um den Kundennutzen zu erklären, sind sie Schrott.

Version 2.0 ist nicht optional

„Es gibt eben auch Version 2.0", sagt Stefan. „Das hat mit schnellem Einstieg in den Markt zu tun – das ist das Produkt, wie es heute ist und die nächste Generation plane ich eben heute schon."

Deutsche Firmen verlieren sich gerne in Details. Nice-to-Haves. Perfektionierung.

Stefan's Planungsprinzip ist anders:

„Man verliert sich sehr gerne in den Nice-to-Haves anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn man halt vorher schon sehr klar sich darüber Gedanken gemacht hat, das sind die Dinge, die das Produkt absolut braucht und das sind die Nice-to-Have-Features – dann kann ich schneller in den Markt."

Must-Haves → Launch → Feedback → Version 2.0 mit Nice-to-Haves

Nicht: Must-Haves + Nice-to-Haves + Perfektionierung → Launch in 18 Monaten → Markt hat sich verändert

„Damit ich entsprechend in zwei Jahren nochmal die nächste Version rausbringe."

Zwei Jahre. Nicht fünf. Nicht zehn.

To-Do: Für dein nächstes Produkt: Erstelle zwei Listen. Must-Haves für V1. Nice-to-Haves für V2. Launch V1 in 6 Monaten, nicht V1+V2 in 18 Monaten.

Die Bottom Line

Die Kluft zwischen deutscher Produktentwicklung und US-Markterfolg ist nicht unüberbrückbar. Aber sie erfordert bewusste Veränderungen:

  • Lokales Produktmanagement, nicht nur lokaler Vertrieb
  • Vollständige Launch-Checklisten ohne Ausnahmen
  • Features in Benefits übersetzen
  • Compliance-Requirements ernst nehmen (NEC, UL, CSA, State-Level)
  • Offenheit für andere Verkaufsargumente
  • Produkt-Vertriebs-Alignment von Tag 1
  • Version 2.0 heute planen, nicht "irgendwann"

„Manchmal braucht man einfach Leute von außerhalb, die sich auskennen und sagen: 'Mensch, vielleicht ist es so oder so' oder 'das ist mir jetzt nicht klar'. Dann merkt man schon, vielleicht sind unsere Botschaften nicht so klar, wie wir das geglaubt haben."

Die Frage ist nicht, ob deine deutsche Ingenieurskunst gut genug ist. Die Frage ist: Bist du bereit, sie für den US-Markt zu übersetzen?


Über StateMinded: Wir helfen europäischen Tech-Unternehmen, die Komplexität des US-Markteintritts und -wachstums zu meistern. Während Stefan's Expertise im Produktmanagement liegt, fokussieren wir uns auf die Vertriebsseite: Manufacturing Rep-Netzwerke, Distributor-Partnerschaften und Sales Enablement. Die Kombination = Erfolgreicher US-Markteintritt. Wenn du bereit bist, deinen US-Umsatz ernsthaft anzugehen, lass uns reden.

Über Stefan Grunwald: Stefan ist Gründer von GSH Consulting und Green River Consulting mit Sitz in North Carolina. Mit 20+ Jahren Produktmanagement-Erfahrung in den USA (Lütze, TK Cable) hilft er europäischen Technikfirmen bei lokaler Produktadaptation, Compliance-Navigation und Go-to-Market-Strategien. Kontaktiere Stefan.


Tags: produktmanagement, us market entry, product launch, nec compliance, german engineering, manufacturing reps, b2b sales

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